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Psifas - Jüdisches Mosaik

Sasha Ginsburg wird 1958 in Magdeburg in der damaligen, immer noch von den Nachkriegswirren geprägten DDR geboren. Seine Kindheit und Jugend verbringt der heranwachsende Künstler in Riga. Hier studiert er Malerei bei Kurts Fridrihsons, Abram Bikov und Vitaly Karkunov. Im Jahr 1993 immigriert er in das nunmehr wiedervereinigte Deutschland. Seitdem ist Osnabrück das Zentrum seines Lebens und seines künstlerischen Schaffens.

Bereits zu seiner Zeit in Riga spezialisiert sich Sasha auf Portraits und Stillleben. Nach Beendigung seiner künstlerischen Ausbildung arbeitet er viel und erfolgreich in diesen Genres. Seine Bilder werden mit beachtlichem Erfolg in Lettland, den USA, Kanada, Deutschland und Israel ausgestellt. Nach und nach wendet sich der Künstler allerdings von der traditionellen, klassischen Malerei ab. Von der Malerei, die ein Meister aus jedem Volk überall auf der Welt kreieren könnte. Ginsburg beginnt in der Folgezeit, intensiv, die ihm nahestehenden jüdischen Themen zu bearbeiten. So sind die vorherrschenden Motive seines Schaffens der letzten Jahre biblische Szenen, Judaika und alte jüdische Weisheitsgeschichten.

Im Laufe der Zeit ändert sich auch Ginsburgs künstlerische Sprache. Betrachtet man seine heutigen Bilder, hat man das Gefühl, als würde der Maler nicht mit Öl auf der Leinwand malen, sondern seine Bilder aus kleinen farbigen Glasscherben oder Steinchen zusammensetzen. Nicht ohne Grund trägt sein letzter Gemäldezyklus den Namen „Jüdisches Mosaik“. Und dieser Zyklus ist eindeutig jüdisch geprägt. Davon sprechen auch die Namen der Bilder: „Das Schabbatlicht“, „Der Baum des Lebens“, „Das Abendgebet“, „Die Goldene Menora“. Dabei gelingt dem Künstler die Gratwanderung mitreißende Werke zu erschaffen, ohne dabei in religiösen Fanatismus zu verfallen. Seine Bilder sind ungewöhnlich aufrichtig und delikat, voller Liebe und Wehmut, man könnte sogar sagen „gesanghaft“, gemalt. Sie sind erfüllt von der unvergänglichen Trauer über die Tragödie des jüdischen Volkes und drücken gleichzeitig das philosophische Verständnis für die Kontinuität des menschlichen Lebens, die Glaubenskraft und die Seelenstärke aus.

Die im Gemäldezyklus vorgestellten Bilder erinnern stark an die Werke französischer Impressionisten, die in der Stilrichtung Pointillismus arbeiteten. Die gleiche Nichtvermischung von Farben, die gleiche Arbeit mit einzelnen Punkten, Linien und Vierecken. Nur dass Sashas Striche und Linien herausstechender sind und die Bilder so tatsächlich an Mosaike erinnern. Man betrachtet sie am besten, in dem man ein paar Schritte zurück in die Tiefe des Raums geht, denn aus der Nähe begreift man nicht sofort, ob sich auf dem Bild ein blätterloser Baum oder eine alte Menorah verbirgt.

Der russische Dichter Sergei Jessenin schrieb einst „Das Große sieht man nur von weitem…“ Durch seine Kunst scheint Ginsburg die Worte des Dichters zu bestätigen. Je weiter weg ein geschichtliches Ereignis liegt, desto schärfer und genauer sieht man seine Folgen und seine wirkliche Bedeutung. Nicht umsonst wiederholt der Maler gerne, dass derjenige, der die Vergangenheit vergisst, die Zukunft zu verlieren riskiert.

Original aus der Wochenzeitung "Russkaja Germanija/Russkij Berlin" vom 18.11.2011